In meiner Beratung begegnet mir diese subtile Angst immer wieder. Nicht als Panik oder akute Bedrohung – sondern als leiser Begleiter, der Menschen zurückhält, obwohl sie sich nicht nur nach Veränderung sehnen, sondern oft sogar genau wissen, was zu tun ist. Die Angst bremst, lenkt, ruft Zweifel hervor. Und oft bleibt sie dabei unsichtbar – nicht, weil die Person sie verstecken will, sondern weil sie so unterschwellig wirkt, dass sie gar nicht als Angst erkannt wird.
Wenn ich dann anspreche, dass es sich um Angst handelt, ist der oder die Betroffene meist überrascht und weist es in einem ersten Reflex von sich –„ich habe doch keine Angst“. Und vielleicht denkst Du gerade genau dasselbe. Dann lies unbedingt weiter, um zu prüfen, ob es wirklich so ist.
Denn oft wird die Angst erst bei näherer Betrachtung sichtbar und dann erschrecken sich meine Kunden oft, weil die Frage auftaucht, wie oft sie tatsächlich fremdgesteuert werden.
Erkenne im Folgenden, wie sich die Angst tarnt und mit welchen Strategien Du dies für Dich sichtbar machst, damit Du zukünftig Deine Entscheidungen und Dein Verhalten freier wählst.
1. Wie sich die Angst tarnt
Angst ist ein urzeitlich geprägtes Phänomen und soll unser Überleben sichern. Es wirkt unterschwellig, was bedeutet, dass keine bewussten Denkprozesse dabei ablaufen. Dies soll verhindern, dass wir wertvolle Zeit verlieren, wenn es um Leben oder Tod geht. Deswegen ist uns die Angst oft nicht bewusst.
Ein weiterer Grund hängt damit zusammen, dass wir uns in unserer heutigen Zeit zum Glück nur noch sehr selten in explizit lebensbedrohlichen Situationen, wie bei der Konfrontation mit dem Säbelzahntiger, befinden. Die Angst bezieht sich dann eher auf implizite Gefahren. Aus urzeitlicher Sicht wäre es für uns nämlich ebenfalls lebensbedrohlich, von der Sippe ausgestoßen zu werden und alleine in der Wildnis zurechtkommen zu müssen. Also sind wir darauf programmiert, uns prosozial zu verhalten, uns anzupassen. Kurz gesagt: Wir wollen dazugehören und haben Verhaltensweisen entwickelt, damit dies gelingt.
Wenn wir also in Situationen geraten, die die Gefahr einer Konfrontation bergen – wo wir also etwas tun könnten, das andere nicht gut finden –, steigt genau diese getarnte Angst auf.
Manchmal spürst Du dann nur ein diffuses Unbehagen, ein inneres „Das geht nicht“, „Das kann ich nicht machen“. Oder Du merkst, wie Du in einem inneren Konflikt hängst und unaufhörlich hin- und herspringst, ohne wirklich das zu tun, von dem Du weißt, dass Du es tun solltest. Dann hat die Angst längst die Führung übernommen, vermeintlich freundlich, nämlich verkleidet als Vernunft.
Oft zeigt sie sich nicht als „Ich habe Angst“, sondern als scheinbar vernünftige Strategie:
Diese Tarnungen wirken erwachsen und verantwortungsvoll. Gerade deshalb bleiben sie unbemerkt.
Nur leider verhindern sie, dass Du tust, was Du tun solltest, um Dein Ziel zu erreichen, Dir Deinen Traum zu erfüllen und dort hinzukommen, wo Du hin willst.
Lass uns also gemeinsam schauen, wie Du diese Tarnung entlarvst und Dich befreist.
2. Wie Du die Angst enttarnst und Dich nicht weiter von ihr lenken lässt
Zunächst einmal geht es darum, überhaupt zu erkennen, dass Angst im Spiel ist. Hierbei ist eine gute Selbstwahrnehmung der Schlüssel und hier liegt leider das Problem. Wenn wir in Stress geraten, schaltet sich unsere Selbstwahrnehmung zurück. Denn dann liegt die Priorität darauf, die Situation zu bewältigen und dazu laufen wir eher im Funktionieren-Modus, als im Selbstwahrnehmungs-Modus.
Es gibt aber ein paar „leise“ Marker, die sich wiederholen und auf die Du achten kannst:
- Der Körper meldet sich: ein enger Brustkorb, flacher Atem, verspannter Nacken.
- Die Gedanken kreisen ohne einen Erkenntnisgewinn, es fühlt sich anstrengend an.
- Du verlagerst Entscheidungen „nach außen“: auf Umstände, auf noch fehlende Informationen, auf den perfekten Zeitpunkt.
- Du weißt, was zu tun wäre – und tust es nicht.
Wenn ich diese Signale mit meinen Kundinnen und Kunden anschaue, entdecken sie oft eine kleine, entlastende Lücke zwischen „Ich“ und „der Angst“. Diese Lücke nutzen wir, um bewusste Handlungen zu trainieren.
3. Wie kann das konkret aussehen?
Du kannst mit drei einfachen Taktiken arbeiten, die zugleich unauffällig und wirksam sind:
- Benennen
„Könnte es sein, dass hier Angst spricht?“ – versuche, es ohne Vorwurf und ohne es zu pathologisieren auszusprechen. Allein das Benennen nimmt der Angst ein Stück Tarnung. - Körper ankern
Nimm zwei ruhige Atemzüge, spüre bewusst Deine Füße auf dem Boden und lass Deine Schultern weich werden. Der Körper signalisiert dadurch: Ich bin hier, ich übernehme. Alles ist in Ordnung. - Neugierig fragen
- Wovor versucht die Angst mich gerade zu schützen?
- Was wäre das „Schlimmste“, das sie verhindern will – und wie realistisch ist es, dass das eintritt?
- Welche kleine Handlung (1–3 von 10 auf der Mut-Skala) wäre trotzdem stimmig?
Die Angst bekommt damit die Rolle, für die sie eigentlich da ist. Sie wird zum Warnsignal. Nicht zum Regisseur.
Noch ein paar abschließende Hinweise
Kleine Schritte, große Wirkung
Nachhaltige Veränderung passiert nicht in den großen Sprüngen. Sie benötigt kleine, sichere Schritte nach vorn, die immer weiter geübt werden:
- Mikro-Experimente: teste Dein Verhalten in einem ganz kleinen Rahmen
- Zeitlich begrenzen: versuche Dich für einen ganz kurzen Zeitraum
- Sichtbarkeit dosieren: experimentiere mit neuem Verhalten in einem Kontext, der keine große Konsequenz birgt (z. B. „nein“ sagen üben bei Werbeanrufen)
- Rückversicherung vereinbaren: Definiere Deine Grenze und lege Deine Exit-Strategie fest
Diese Schritte arbeiten nicht „gegen“ die Angst, sondern „mit“ ihr. Dadurch kannst Du üben und Vertrauen aufbauen.
Unterscheiden: Vernunft oder Angst?
Vernunft klärt: Sie bringt Schärfe in den Blick, öffnet Optionen und fühlt sich nach innen ruhig an, auch wenn die Entscheidung vielleicht Mut braucht.
Angst verengt: Sie produziert Dringlichkeit ohne Not, malt Katastrophen aus und hält uns in Schleifen fest.
Diese Unterscheidung ist keine Wertung im Sinne von „richtig“ oder „falsch“. Sie soll gibt Dir Orientierung, um Klarheit zu finden.
Wann mehr Unterstützung sinnvoll ist
Manchmal geht es um mehr als Vermeidungstaktiken oder Aufschieberitis. Wenn anhaltende Schlafprobleme, Panikattacken, ausgeprägte Vermeidung oder sehr starker Leidensdruck vorherrschen, ist es sinnvoll, professionelle Unterstützung in Betracht zu ziehen.
FAZIT
Sehr häufig steuert unbewusst Angst unser Verhalten und wir rationalisieren unser Verhalten.
Die Angst wird sichtbar, wenn Du Deine Wahrnehmung auf sie richtest und Dich bewusst und ehrlich fragst, aus welcher Motivation Du tatsächlich handelst oder auch nicht handelst.
Hol Dir Dein Freiheit zurück, indem Du die Angst integrierst. Also nicht gegen sie ankämpfst, sondern sie annimmst.
Du wünschst Dir Unterstützung dabei, die Angst aufzudecken und selbstbestimmt zu agieren?
Dann nimm unverbindlich Kontakt auf:
