Vergiss Multitasking! –Diesen Appell hören meine Zuhörer, wenn sie meinen Vortrag „Gehirngerechte Arbeitsorganisation Wie Ihr Gehirn zum Erfolg Ihres Unternehmens beiträgt“ besuchen. Diese Botschaft ist bei Weitem nicht neu. Seit den 1980ger Jahren wird dieses Phänomen untersucht, welches in der Fachsprache als Doppelaufgaben-Interferenz bezeichnet wird. Und es ist hundertfach bewiesen, dass wir dadurch keinen Vorteil erringen.

Immer wieder finde ich es deswegen faszinierend, wie viele Zuhörer zögerlich die Hand heben, wenn ich frage, wer Multitasking betreibt, obwohl er oder sie weiß, dass es nichts bringt. 

Aus diesem Grund möchte ich das Thema in diesem Blogbeitrag aufnehmen. Darin zeige ich zunächst auf, was ich in diesem Zusammenhang mit Multitasking genau meine. Außerdem stelle ich dar, was passiert, wenn wir Multitasking betreiben. Und selbstverständlich lasse ich Sie damit nicht hängen und gebe einige Hinweise, wie Sie diese Gewohnheit hinter sich lassen und so produktiver werden.

 

Was ist Multitasking eigentlich ganz genau?

Sicher kennen Sie die Aussage, dass Männer den Frauen im Multitasking unterlegen sind. Was damit gemeint ist, ist nicht das, worum es mir geht. Ich möchte an dieser Stelle auch gar nicht darauf eingehen, ob Männer wohl oder nicht in der Lage sind, gleichzeitig die Spülmaschine auszuräumen und sich zu unterhalten. Stattdessen schlage ich vor: probieren Sie es einfach aus 😉

Multitasking oder Doppelaufgaben-Interferenz meint, im Gehirn gleichzeitig zwei bewusste kognitive Prozesse ablaufen zu lassen. Also beispielsweise gleichzeitig zu versuchen, den Inhalt einer E-Mail zu verstehen und auf die Frage eines Mitarbeitenden zu antworten.

Einer, der dieses Phänomen umfangreich untersucht hat, ist der Psychologe Harold Pashler. In diversen Versuchen hat er herausgefunden, dass die kognitive Kapazität von Menschen, die zwei geistige Aufgaben gleichzeitig lösen müssen, erheblich sinkt. Selbst bei Harvard Absolventen sinkt diese auf das Niveau von Achtjährigen.

Hintergrund ist, dass diese geistigen Prozesse im Gehirn zum einen erhebliche Mengen an Energie verbrauchen und zum anderen die gleichen Schaltkreise des Gehirns nutzen, weswegen sie in Konkurrenz zueinander geraten.

 

Welche Folgen haben Multitasking und permanentes online sein?

Was passiert nun, wenn wir versuchen, zwei bewusste mentale Prozesse parallel laufen zu lassen?

Versuchspersonen, die die Farbe eines Objektes bestimmen und zwischen links und rechts unterscheiden mussten, benötigten doppelt so lange, wenn sie diese Aufgaben parallel ausführten, als wenn sie sie nacheinander absolvierten. Ein ähnlicher Versuch, bei dem ein hoher von einem niedrigen Ton unterschieden werden und gleichzeitig einstellige Zahlen addiert werden sollten, zeigte ebenfalls eine Leistungseinbuße von 50%.

Jedoch bleibt es nicht bei einer reduzierten Leistungsfähigkeit. Sofern Sie dauerhaft mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen, kommt es zudem zu einer fortwährenden und intensiven geistigen Erschöpfung.

Und damit nicht genug: Wenn Sie zudem allzeit online sind, um E-Mails und Textnachrichten zu lesen und darauf zu antworten, sinkt Ihr IQ um durchschnittlich 10 Punkte. Dies entspricht ungefähr den Folgen einer durchzechten Nacht.

Halten wir also fest: Physisch ist es zwar möglich, verschiedene mentale Prozesse gleichzeitig auszuführen. Jedoch büßen Sie enorm an Genauigkeit und Leistung ein, erschöpfen sich systematisch und verdummen dazu noch. Nicht gerade erstrebenswert.

Damit kommen wir zu dem Fakt, dass viele dies wissen oder bereits davon gehört haben, es aber dennoch tun.

Falls auch Sie dazu gehören, möchte ich Sie zu einem kleinen Selbsterfahrungs-Experiment einladen: Stehen Sie dazu bitte auf. Finden Sie dann mit Ihren Füßen in eine Walzerbewegung auf der Stelle und sagen Sie gleichzeitig in einem Staccato-Rhythmus laut das Alphabet auf. Falls Sie passionierter Walzertänzer sind und die Schritte im Schlaf können, nehmen Sie stattdessen eine andere Bewegung und gehen rückwärts durch den Raum.

 

 

Wie können Sie sich von Multitasking und permanentem online sein lösen?

Alles in allem gibt es keinen Vorteil, Multitasking zu betreiben, oder ständig online zu sein. Dennoch hält sich beständig der Glaube, dies sei eine effiziente Arbeitsweise. Was steckt dahinter?

Die Schnelllebigkeit und Informationsflut haben dazu geführt, dass viele Menschen ständig mit dem Gefühl umgehen müssen, hinterherzuhinken und die täglichen Aufgaben nicht zu schaffen. Da erscheint es verlockend, die Möglichkeit zu nutzen, unabhängig von Zeit und Ort, zumindest die Mails zu bearbeiten.

Dass dies nicht die beste Idee ist, wissen Sie wahrscheinlich. Ein Grund besteht in der oben angesprochenen negativen Auswirkung auf Ihre geistige Leistungsfähigkeit und Ihr Energielevel. Ein weiterer liegt in dem Phänomen, dass sich durch dieses Vorgehen erstaunlicherweise die Anzahl Ihrer Mails noch erhöht. Ihre Geschäftspartner, Kunden, Kollegen und alle anderen registrieren, dass Sie schnell ihre Fragen antworten, also schicken sie mehr…

Genug der Überzeugungskraft. Schauen wir uns an, was Sie statt Multitasking tun können.

Hierzu 3 Ideen:

 

1. Arbeiten Sie Ihre Aufgaben klug ab

Unser Gehirn ist das komplexeste System der Welt und einem Computer weit überlegen, wenn es darum geht, Verknüpfungen herzustellen und Neues mit Bekanntem zu verbinden. Jedoch benötigt es für diese kognitive Arbeit sehr viel Energie und die ist schneller verbraucht, als wir allgemein annehmen. Nach spätestens 90 Minuten konzentriertem Denken sind die Energiereserven aufgebraucht. Dann benötigen wir eine Pause (Ideen dazu finden Sie hier), eine Portion BrainFood (lesen Sie hierzu den Gastartikel von Ernährungsexpertin Yvonne Matthei) oder etwas Bewegung. Sofern Sie diese Limitation Ihres Denkapparates respektieren, bleiben Sie leistungsfähig und Ihr Energielevel den ganzen Tag über hoch.

Beachten Sie zudem Ihr persönliches Leistungshoch. Dieses ist sehr individuell. Sofern Sie in dieser Zeitphase Ihre wichtigen Aufgaben planen und Meetings, die gerne in diese Zeiten stattfinden, darum herum legen, haben Sie einen weiteren Produktivitätsgewinn, ohne, dass es Sie große Mühen kostet.

Klug zu arbeiten bedeutet auch, Ihre Aufmerksamkeit idealer Weise immer nur auf eine Sache zu richten. Wenn Sie dabei zwischen Aufgaben, die Ihre volle Aufmerksamkeit bedürfen mit solchen abzuwechseln, die eine gewisse Routine bedeuten, schonen Sie zusätzlich Ihre Energiereserven. Auf diese Weise steigern Sie Ihren Output.

 

2. Befreien Sie Ihren Kopf

Unsere geistige Kapazität ist begrenzt. Wir können maximal 3 bis 4 Dinge gleichzeitig im Kopf behalten. Meine Empfehlung ist jedoch, das nicht auszureizen. Denn damit blockieren Sie wertvolle Rechnerkapazität Ihres Gehirns.

Entwickeln Sie für sich stattdessen ein System, in das alle Informationen, die Sie im Kopf behalten müssen gesammelt werden. Dies erfordert eine gewisse Gewöhnung und manchmal muss man etwas ausprobieren, um für sich das beste System zu finden, aber es lohnt sich.

Lassen Sie sich von analogen oder digitalen Angeboten am dem Markt inspirieren oder entwickeln Sie Ihr eigens System.

Wenn Sie Ihr Kurzzeitgedächtnis nicht mit Informationen, die Sie „nicht vergessen dürfen“ blockieren, ist es frei, um zu denken. Ich meine damit wirklich zu denken. Wir nehmen uns in der Regel viel zu wenig Zeit und Muße, um Probleme zu lösen, Entscheidungen zu treffen und Prioritäten zu setzten. Dies sind jedoch alles extrem wichtige kognitive Prozesse, die zu Ergebnissen und Erfolg führen. Sobald Sie Ihren Kopf befreit haben, gelingt all dies viel leichter und effizienter.

Ein weiterer Vorteil Ihres persönlichen Systems liegt darin, dass Sie nicht mehr darüber nachdenken und entscheiden müssen, was als nächstes ansteht, Ihr System gibt Ihnen dies vor. Und falls etwas Unvorhergesehenes eintritt –und das tut es immer– können Sie leicht Anpassungen vornehmen und umplanen. Dies im Kopf zu bewerkstelligen wäre so, als würden Sie versuchen, im Kopf Schach zu spielen.

 

3. Lernen Sie „nein“ zu sagen

Wir leben in einer Zeit, in der alles jederzeit möglich ist und in der wir Zugang zu unendlich vielen Informationen haben. Dies ist phantastisch, verleitet uns jedoch dazu, von diesen Angeboten auch Gebrauch zu machen. Und das häufig kopflos, was uns dazu bringt, dass wir immer etwas tun könnten und es deswegen auch immer etwas zu tun gibt.

Wenn Sie nicht eigenständig selektieren, vernünftig planen und fokussiert sind, werden Sie von der Flut an Möglichkeiten und Informationen mitgerissen.

Wählen Sie deswegen mit Bedacht aus! Dies beinhaltet auch, dass Sie anderes abwählen oder anders ausgedrückt zu anderen Dingen „nein“ sagen. Aus meiner Sicht ist dies eine der wichtigsten Kompetenzen unseres Zeitalters, um nicht unterzugehen. Es geht darum auszuhalten, etwas nicht zu tun, obwohl es möglich ist. Und obwohl alle Welt sagt, dass es doch so wichtig ist. Besinnen Sie sich auf Ihre Ziele, entscheiden Sie sich für Ihren Weg und gehen diesen konsequent. Ansonsten laufen Sie Gefahr, ständig den Kurs zu ändern und niemals irgendwo anzukommen.

 

Und nun heißt es im Sinne von Fokus: Nehmen Sie einen Schluck Wasser, altmen Sie einmal bewusst tief ein und widmen Sie sich dann mit voller Aufmersamkeit Ihrer nächsten Aufgabe.